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Live aus Leipzig: Larissas Quarantäne Diary

24 Mar 2020

Vor ein paar Wochen, bevor es in Deutschland losging mit den flächendeckenden Einschränkungen habe ich selbst noch gewitzelt. Und jetzt sitze ich hier, in selbst auferlegter Quarantäne und schreibe im Homeoffice ein Quarantäne-Tagebuch. Verrückt. 

 

 

Zwei Meter Abstand halte ich seit ...Tagen, Wochen? Mein Zeitgefühl ist dahin...eh egal jetzt - hallo Ausgangssperre! Bei der Sonne... Plötzlich ist der See verlockender denn je ...viel verlockender als an normalen Arbeitstagen. Da sitzt man ja auch meistens drinnen. 

Spannend, was Verbote mit meiner Psyche so machen ... hier ein kleiner Einblick.

 

[18.3.2020 - Quarantäne Tag 3] 

Eigentlich sollten Natalie und ich gerade für ein paar Tage bei einem Kundenauftrag sein. Sollten mit Menschen in Führungspositionen an deren Zukunftsvision für Ihr Unternehmen und für Ihre Zusammenarbeit arbeiten. Analog. Die Führungskräfte sollten sich in die Augen schauen, Köpfe zusammenstecken, Stifte und Material teilen, all das war vor ein paar Tagen noch unser Plan - und ist mittlerweile vollkommen undenkbar...das was unsere Arbeit so enorm erleichtert, der persönliche Kontakt - ist vorerst aus unser aller Leben gestrichen - oder zumindest extrem eingeschränkt. 

 

Seit drei Tagen sind wir von V&T jetzt schon im Homeoffice. Allein. Mir fällt jetzt schon fast die Decke auf den Kopf, ich sehne mich nach menschlichem Kontakt. Wie soll das bitte jetzt mehrere Wochen lang gehen?

 

Corona hat uns im Griff, hat mich im Griff - obwohl das alles vor ein paar Wochen noch ganz weit weg war. Nun ist es ganz nah. Und ich fühle mich ausgeliefert. Gestern musste ich erst einmal eine ordentliche Runde ins Telefon weinen, so fertig war ich mit den Nerven: Alles kam geballt: Vorhersehbare Absagen für Termine, unsere Überlegung in Kurzarbeit zu gehen, die Nachricht, dass meine auch nicht mehr gaaanz so jungen Eltern in den USA festsitzen, wo Trump die Lage runterspielt, und, zu guter letzt, die Nachricht, dass ich mich vielleicht angesteckt habe:
BÄM! ...nein: Bäm, bäm, bäm, bäm - und das auch noch! Bäm!!
Alles binnen von ein paar Stunden. Uff!! Da musste einiges verarbeitet werden. Sorgen, Ängste, Horrorszenarien, die sich im Kopfkino abspielen - da kam einiges an Emotion zusammen und musste verarbeitet werden und dann wieder raus aus dem System. 

 

Ich weiß nicht, wie Ihr das macht…?! Für mich funktioniert Emotionen verarbeiten wunderbar entweder mit Sport - oder eben, weniger elegant, mit einem verheulten Gesicht und lautem Schluchzen. Da ich keinen Boxsack zuhause habe, und ja auch schon Joggen war, habe ich mich dann für Letzteres entschieden und kann Euch sagen:
Mama die Ohren vollheulen funktioniert auch als erwachsene Frau mit Uni-Abschluss und lange nach dem Umzug in die eigene Wohnung immer noch genauso gut wie davor! Einmal den ganzen Frust, die ganze Hilflosigkeit rauslassen. Bei Bedarf auch mehrmals - das ist in solchen Zeiten einfach manchmal nötig. Und vielleicht die beste Selbstfürsorge, die man sich geben kann.
“Lieber laut als rein!” hat mal ein guter Freund zu mir gesagt - und da ist einiges dran.

 

[19.3.2020 Quarantäne Tag 4]

Jetzt, einen Tag und einige Tränen später, fühle ich mich bereit, wieder proaktiv zu denken und mich mit den Fragen der Stunde zu beschäftigen: Wie können wir die Krise als Chance begreifen und nutzen? Was können wir auch aus dem Homeoffice heraus tun, das anderen Nutzen stiftet? Wie kann ich meine Kollegin unterstützen, die im Homeoffice mit Ihrem Kind sitzt, das sie jetzt nebenbei noch unterrichten soll - und die fast nicht zum Arbeiten kommt? Und wie schaffe ich es, mir zu Hause einen halbwegs ergonomischen Arbeitsplatz einzurichten oder zumindest mich so oft zu bewegen, dass mein Rücken mich nicht nach ein paar Tagen in Quarantäne umbringt? Fragen über Fragen. Ich hab gerade noch nicht auf alles eine Antwort. Aber vielleicht ist das auch gerade noch nicht nötig...Schrittchen für Schrittchen. Und zwischendurch etwas Zeit, um all den Frust zu verarbeiten, der sich zwangsläufig anstaut. Jetzt ist es mehr denn je wichtig, gut auf sich zu achten. 

 

Ich weiß: zwischendurch mal ein bisschen Yoga auf meinem Teppich zu machen, meinen Rücken von der Katze in die Kuh und in andere lustige Figuren zu verbiegen - das tut mir gut. Auch wenn ich mich frage, was meine Nachbarn wohl denken, wenn sie durch’s Fenster schauen und mich auf allen Vieren auf dem Boden verrenkende Posen einnehmen sehen. Egal! Sei’s drum! Mögen sie mich auslachen oder vielleicht ja sogar mitmachen hinter ihrer Scheibe!

 

[23.3.2020 Quarantäne Tag 8]

 

Was ein Wochenende! So schnell hat sich die Welt gedreht in der letzten Woche. Ich habe das ganze Wochenende beim #wirvsvirus Hackathon mitgearbeitet und mit wildfremden Menschen eine super Idee ausgearbeitet, die Sterbenden und Ihren Angehörigen auch in der Corona-Krise Abschiednehmen und Begleitung ermöglicht, damit niemand alleine sterben muss. Pallia heißt unsere Idee.
Gleich habe ich wieder einen Call mit Hannes und Kris - wir wollen Köpfe zusammenstecken, und überlegen, wie wir von der Krise Betroffene jetzt wohl am besten unterstützen können...die Krise wirkt ja auf uns wie eine Lupe und verstärkt das, was gut läuft, aber auch das, was nicht gut läuft. Da wollen wir uns nützlich machen. Es tut mir so gut, in vertraute Gesichter zu blicken, zumindest digital, und gemeinsam an etwas arbeiten zu können, das sinnvoll ist. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie viel wir wirklich tun können: Ich komme mir dann selbst weniger hilflos vor. 

 

Es fühlt sich dann fast so an, als könnte die Krise uns alle näher zusammen bringen - und unser Vertrauen ineinander und in Gemeinschaft fördern. Vielleicht sagen wir in ein paar Jahren, wenn mal wieder etwas schief läuft ja: “Sogar Corona haben wir zusammen gemeistert, und sind sogar noch näher zusammen gerückt - das schaffen wir schon!” und dann lachen wir gemeinsam, während wir uns einen Keks teilen und uns in die Augen schauen - das geht dann wieder, analog, theoretisch sogar ohne Händewaschen. Verrückt. In der Zwischenzeit überlegen wir uns, wie man digital am besten Kekse teilen kann.
Ich hab gerade mal nachgesehen: Kekssharing.org ist noch frei. :)

 

 

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